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Laufen ist kalkulierbares Risiko

8. Oktober 2017
Collage aus der der Nike Running Club App meistens Süd-West-Friedhof in Dortmund

„So called Mr. Rock’n’Roll is dancing on his own again“ – nach mehr als anderthalb Jahren habe ich meine Laufmusik gewechselt. Statt Depeche Mode begleitet mich nun Amy Macdonald auf meinen Joggingtouren. Besser gesagt: meiner Joggingtour, denn im Prinzip laufe ich immer die gleiche Strecke durch Dortmunds Westpark und über den Süd-West-Friedhof. Es sind rund acht Kilometer, die ich zurücklege, fast immer in dem gleichen Rhythmus und fast immer mit der gleichen Musik. Beim heutigen Sonntagslauf frage ich mich, warum ich, die Routinen überhaupt nicht leiden kann, beim Laufen so unflexibel bin. Ich bin in anderthalb Jahren nur zwei Mal woanders gelaufen, und selbst die Strecke im Westerwald bei meinen Eltern kenne ich ziemlich gut.

Tack, tack, tack, tack – der gleichmäßige Laufrhythmus hat etwas Beruhigendes. Ich spüre, wie sich selbst im Regen in meinem Körper eine angenehme Wärme ausbreitet. Ich weiß genau, welche Strecke vor mir liegt, an welcher Stelle mir die Running-App welchen Kilometerstand mitteilen wird. Es ist ein durch und durch vorhersehbares Ereignis. Solange ich unterwegs bin, bin ich vollkommend Herr bzw. Frau der Lage, weiß genau, was mich erwartet. Meistens fangen die Gedanken mit einer faszinierend autonomen Balletvorführung an, ganze Blogposts fügt mein Gehirn Satz für Satz aneinander, fliegen mir neue Einsichten und Ideen zu, auf die ich am Schreibtisch vergeblich gewartet habe.

Obwohl es eine körperliche Aktivität ist, ist Laufen mein mentaler Sparringspartner. Beim heutigen Lauf kommt mir sogar der (vielleicht abstruse) Gedanke, dass ich momentan so viel laufe, da mir ein Partner fehlt, mit dem ich mich täglich austauschen kann (ja, ein Singeldasein ist nicht immer nur lustig). Stattdessen übernimmt meine linke Gehirnhälfte diesen Job, während ich munter Kilometer für Kilometer hinter mich bringe. Großartige sportliche Ambitionen verfolge ich mit meinem Training nicht. Trotzdem möchte ich auf diese bewusstseinserweiternde Erfahrung nicht verzichten.

Oft fühle ich mich nach einem Lauf gestärkt, nicht nur körperlich, sondern vor allem mental. Manchmal laufe ich mir meinen Ärger oder meinen Frust einfach von der Seele. Negative Energie beflügelt beim Laufen. Obwohl mir ein Personal Coach einmal gesagt hat, man könne keine negative Energie in positive umwandeln, gilt das fürs Laufen nicht. Je wütender ich über eine Situation bin (so wie heute), desto schneller bin ich. Und Laufen ist Therapie. Vor etlichen Jahren litt ich unter starken depressiven Verstimmungen und Panikattacken, die vornehmlich nachts ihr Stelldichein gaben. Meine Psychotherapeutin gab mir darauf hin den Tipp, in solchen Situationen die Laufschuhe anzuziehen und loszurennen. Glücklicherweise habe ich ihn nie befolgen müssen. Es hat gereicht, die Laufschuhe für Krisenzeiten neben die Haustür zu stellen. Den Panikattacken war die Vorstellung, einsam mit mir durch die dunkle Nacht zu laufen, anscheinend nicht besonders recht. Jedenfalls haben sie sich nicht mehr blicken lassen.

Auf Instagram gibt es eine euphorische Laufgemeinde, die jeden Lauf festhält, sich beim Training oder Zieleinlauf mit strahlendem Lächeln und motivierenden Worten fotografiert. Ich gehöre ebenfalls dazu. Die Bilder dieses Blogbeitrags stammen alle aus dem September. Neun Mal bin ich gelaufen, neun Mal musste ich der Welt über Instagram davon mitteilen. Kritische Stimmen bezeichnen dieses Phänomen oft als – sinngemäß – „Social-Media-Narzissmus“. Stimmt auch irgendwie. Allerdings kann ich wenig Negatives daran finden. Meine Bilder sind für mich in erster Linie mein Lauftagebuch. Wenn ich morgens wach werde und das Wetter nicht ganz so wunderbar ist, werfe ich einen Blick darauf. Wenn ich dann den Süd-West-Friedhof sehe, treibt es mich unweigerlich raus, dann will ich wieder laufen und die Gedanken dabei tanzen lassen.

Amy Macdonald singt immer noch über ihren Mr. Rock’n’Roll und ich lasse mich mit der Musik davontragen: „Rock chick of the century, is acting like she used to be, dancing like there’s no one there, before she ever seemed to care. Now she wouldn’t dare. It’s so rock and roll to be alone.“

Habt einen schönen Sonntag!

 

 

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