Life

Als die Welt für einen Moment aufhörte sich zu drehen

6. April 2020
Ankunfttafel Flughafen Köln Airport davor eine Zeichnung einer Krone und der Schriftzug "Bis auf Weiteres geschlossen"

Anfang März 2020. Ich bringe meinen Freund zum Flughafen Köln/Bonn. Vor ihm liegen mehr als zwölfhundert Flugkilometer, vor uns beiden liegt ein Abschied – wieder einmal. Dieses Abschiednehmen ist immer “heartbreaking”, furchtbar, herzzerreißend, schrecklich. Dieses Mal aber ist es noch ein bisschen trostloser, denn wir wissen beide, dass es ein Abschied auf unbestimmte Zeit sein wird. Das Coronavirus hat längst Europa und schließlich auch Deutschland erreicht. Was uns von nun an erwartet, wissen wir beide nicht.

Tempora mutantur

Nein, ich schreibe das nicht, um Mitleid zu erwecken. Sondern weil für mich persönlich nichts so sehr den Auftakt in eine neue Zeit beschreibt, wie die Szene am Flughafen. Eine Woche später. Ich sitze in meinem Esszimmer und arbeite von zu Hause aus. Auf unbestimmte Zeit sind meine Kollegen und Kolleginnen ins Homeoffice geschickt worden. Bald wird es in Dortmund ein Kontaktverbot geben, das sich zunächst auf vier Personen beschränkt. Nach einigen wenigen Tagen dann der Beschluss des Landes NRW: Es dürfen sich nicht mehr als zwei Personen treffen .

Abstand ist zu halten, die Hashtags #socialdistancing #staysafe und #stayhome machen in den sozialen Netzwerken die Runde. Unterdessen steigt deutschland- und weltweit die Zahl der Corona-Infektionen und – sehr bedauerlicherweise – die Zahl der Toten. Anfangs verfolge ich wie besessen die Newsticker der Bundes- und Landesregierung, absorbiere jede neue Meldung der Tageszeitungen, verfolge mehrere Dutzende meiner Lieblingsblogs und Instagram-Accounts, schreibe wie verrückt WhatsApp-Nachrichten und beginne schließlich wieder, mit vielen Menschen regelmäßig zu telefonieren. Langsam begreife ich: Diese völlig neue Situation kann niemand von uns kontrollieren. Es nützt also nichts, sich pausenlos mit dem gekrönten Virus zu beschäftigen.

Endlich Ruhe

Weitere drei Wochen später am ersten April-Wochenende. “Stay home” muss man mir nicht zwei Mal sagen. Ich leide weder an einem Lagerkoller, noch ist mir langweilig. Ganz im Gegenteil. Endlich Zeit, endlich Ruhe! Ich habe fast ein schlechtes Gewissen , so gut geht es mir gerade. Ich genieße es, wochentags nicht täglich 100 Kilometern zu meiner Arbeitsstelle zu pendeln. Ich genieße es, morgens nicht um 6 Uhr aus dem Bett springen zu müssen. Ich genieße es, wie die Welt um mich herum plötzlich ruhiger und langsamer wird. Ich genieße es, so viel Zeit für mich selbst zu haben. 

Ich streiche meine Wohnung, führe all die kleinen Reparatur- und sonstigen Arbeiten durch, die liegen geblieben sind, räume das drei Monate völlig vernachlässigte Büro auf, stricke, lese, höre Hörbücher, schaue mir alle Filme meiner Watchlist an, koche, texte und telefoniere.  Kein Familienmitglied, keiner meiner Freunde oder Bekannten und auch nicht deren Angehörigen sind krank oder in Quarantäne. Würde ich nicht jeden Tag die Nachrichten schauen, ich könnte glatt vergessen, warum es mir und auch einigen anderen gerade so gut geht. Das Kurioseste daran: Meinetwegen könnte es so bleiben. Nur meinen Freund, den vermisse ich sehr.

Wird die Welt sich verändern?

Schon präsentieren Soziologen und Zukunftsforscher ihre zukünftigen Erwartungen angesichts der neuen Beschaulichkeit und der unfreiwilligen Einkehr eines Jeden: Die Welt wird sich verändern, wir werden nicht so weitermachen wie zuvor. Nicht mehr dauernd Partys feiern, nicht mehr so viel konsumieren, nicht mehr so viel reisen etc.. Daran glaube ich ganz und gar nicht. Es wird vielleicht eine Weile dauern, bis wir unsere alte Kondition wieder erreicht haben. Aber eins kann ich mir wirklich nicht vorstellen: Dass der Mensch dauerhaft leiser wird. Ich vermisse es jetzt schon. Wenn dem Virus überhaupt etwas abzugewinnen ist, dann in meinen Augen die Tatsache, dass er innerhalb von vier Wochen etwas geschafft hat, was all unsere Achtsamkeitsübungen, Yoga-Kurse und Digital Detox-Kuren o. Ä. in Jahren nicht vermochten.

PS:

Was ich in meiner nun nicht mehr so neuen Wohnung bisher so passiert ist, das zeige ich in den kommenden Tagen und Wochen. Endlich reicht die Zeit auch für’s Bloggen wieder.

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