Es gibt sie noch, die guten Tage. Da wache ich morgens auf und nehme mir vor: Statt heute wieder deine wertvolle Zeit auf dem lauten Marktplatz der Eitelkeiten namens Instagram zu verbringen, beschäftigst du dich einmal wieder intensiv mit deinem Blog.
Manchmal hält dieser Vorsatz sogar bis mittags an. Das Hirn rattert, durchsucht Erinnerungen und Beobachtungen nach möglichen Themen. Geist und Körper bereiten sich aufs Schreiben vor und jubeln innerlich leise: Juchhu, sie fängt wieder an. Ich sehe mich am Schreibtisch sitzen. Meine Finger jagen über die Tastatur, lassen durch ihre flinken Bewegungen all das lebendig werden, was schon so lange in mir schlummert und nicht raus konnte. Erzählen, erzählen will sie! Vom wahren Leben. Keine Hochglanzbilder teilen auf einer Plattform, die naturgemäß wohl kurartierte Ausschnitte zeigt und auf der bereitwillig geteilt und kommentiert wird zum nutzen von Meta. Own your content again – yeah, that’s my vibe.
Es ist eigentlich ganz einfach. Man muss es nur machen.
Und so ab, sagen wir 13:12 Uhr, kurz nach dem Mittagessen, geht es langsam los. Mein Euphorie-Anteil macht aufgrund des Suppen-Komas mal kurz die Augen zu, und das gierige Es – dieser ewige Nörgler und Sucher nach der schnellsten Belohnung – schreit auf: „Du musst erst den ganzen Text schreiben, Korrektur lesen, umformulieren, noch einmal Korrektur lesen, Zwischenüberschriften bilden, Bilder heraussuchen, zuschneiden, komprimieren, alles in WordPress einpflegen… Schau doch mal kurz auf Insta rein, vielleicht findest du da eine bessere Inspiration.“
Was soll ich sagen? Mein Über-Ich – diese strenge, moralische Instanz, die mich an meine guten Vorsätze erinnern sollte – funktioniert um 13:13 Uhr leider nicht. Mein Ich verliert die Kontrolle an die Triebe. Ich gucke kurz auf Instagram, dann noch auf Pinterest und berufsbedingt auch auf Facebook und schwupp – willenlos isse. Keine Lust mehr auf irgendwelche Blogartikel. Liest heute eigentlich noch irgendjemand Blogs? Oder nur Menschen 50+, 60+, 70+? Das wäre immerhin meine gesamte Zielgruppe.
Liest noch jemand Blogs?
Ich glaube, viele von euch kennen das Phänomen: diese bekloppte Dopamin-Ausschüttung, der schnellen Tritt in den Glücks-Arsch, der mit Social Media verbunden ist. Aber vielleicht kennt ihr auch das fast unweigerlich damit verbundene Katergefühl, wenn man einfach nicht aufhören konnte? Und die Frage an sich selbst: Wie konnte ich nur so verantwortungslos mit meiner kostbaren Zeit umgehen?
Heute habe ich mich selbst überlistet, indem ich einfach nicht zu Mittag gegessen habe. Mein Es sitzt immer noch beleidigt in der Ecke in der Erwartung irgendeiner Nahrungszufuhr. Derweil fliegen tatsächlich meine Finger über die Tasten, und ich kann dem Text beim Wachsen zusehen. Ich kann es selbst kaum fassen. So einfach ist es eben doch.
Sag es mit Worten
Ich liebe das Schreiben. Ich liebe das Lesen. Unlängst habe ich die Bücher von Joachim Meyerhoff gehört und gelesen, und mich hat erneut die Faszination ergriffen ob der Fähigkeit, allein mit Worten ganze Welten und intensive Gefühle entstehen zu lassen – Schmerz, Trauer, Freude, Entzücken, großes Glück. Ach, wie wunderbar – diesen Satz habe ich bei Meyerhoffs Geschichten unzählige Male gedacht und seine Fähigkeit bewundert, Tragik und Komik so gekonnt miteinander zu verweben. Bravo! Keine Angst, ich habe keine schriftstellerischen Ambitionen. Ich möchte nur meinen Blog wiederbeleben. Meine Erfahrungen teilen und mich mit euch austauschen. Das geht auf Instagram nur auf einem sehr oberflächlichen Niveau.
Aber, ich posaune es aus voller Überzeugung lauthals heraus: Es soll Schluss sein mit dem Kratzen an Oberflächen. Als ich mit diesem Blog begonnen habe, war eines meiner ersten Themen „Menopause“ – ein sagenhaft bescheuerter Euphemismus. Was pausiert denn da? (Für die Neu- und Wiederleser: Hier geht es zum Text von damals). Komme gerade ein bisschen vom Thema ab. Mein Anliegen war eigentlich, ein Thema in den Fokus von Frauen meines Alters zu bekommen, das selbst von vielen Ärzten nur stiefmütterlich behandelt wurde. Das war 2015.
Lebbe geht weider – aber wohin eigentlich?
Wenn ich mir Instagram heute angucke, sagt mittlerweile jeder zehnte Account einer Menschin (ist das so korrekt gegendert? mir eigentlich egal) in den Mittfünfziger etwas zum Thema und macht dazu ein betroffenes Gesicht. Ja, ich bin ehrlich: Die Hormonumstellung habe ich nicht gerade als inspirierend, beglückend oder in irgendeiner Form als positiv erlebt. Frau kann nicht schlafen, hat zu den unpassendsten Gelegenheiten Hitzewellen, Gefühlsschwankungen, ist kaputt, unkonzentriert, fühlt sich unattraktiv – und macht trotzdem weiter. Und damit ist das Thema Menopause für mich einstweilen abgeschlossen. Denn es ist nur eine Phase. Lebbe geht weider. Wer hat das noch mal gesagt? Ach ja, Dragoslav „Stepi“ Stepanovic. Ein Fußballtrainer. Ausgerechnet.
Pension mit Frühstück und Alpenblick
Kommen wir zurück von radebrechenden Fußballtrainern und einer Pause, die keine Pause, sondern ein Übergang ist, zu meinem eigentlichen Anliegen. Weniger als mit meinen vergangenen körperlichen Veränderungen möchte ich mich zukünftig mit den inhaltlichen Veränderungen der kommenden Jahre beschäftigen. Ich bin heute 61. Spätestens mit 65 möchte ich aufhören zu arbeiten, und nun spreche ich die drei Horrorworte aus: „in Rente gehen“.
Viel heimeliger als den Begriff Rente finde ich ja das österreichische Pension. Es meint ja auch einen kleinen Beherbergungsbetrieb, der meist privater geführt wird als ein Hotel. Ach ja, gegen so eine Privatunterkunft mit Blick auf die Berge hätte ich, glaube ich, nichts einzuwenden. Oder gibt es noch ganz andere Möglichkeiten? Auf dem Machu Picchu wohnen, Japan bereisen, doch ein Buch schreiben, Kindern die Natur näherbringen und Landwirtschaft erklären, stricken, lesen und gut kochen, ein neues Business starten oder, oder, oder ….
Jetzt mal ehrlich: Beginnt mit dem Ende der Berufstätigkeit nicht am Ende die beste Zeit unseres Lebens? Habt ihr dafür schon Pläne gemacht? Ich freue mich auf Austausch.





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